Wirtschaft und Politik
FDP-Bundestagsabgeordnete löst Wahrendorff-Versprechen ein
Jens Beeck (MdB) diskutierte mit Bewohnerinnen und Bewohnern vor Ort


Jens Beeck (6. von links) stellte sich den kritischen Fragen von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Mitarbeitenden des Klinikum Wahrendorff. Heide Grimmelmann-Heimburg, Geschäftsführerin (l.) führte und moderierte durch den Tag.

Sehnde/Köthenwald, 15. Juli 2019
Ende letzten Jahres hatten sich 33 Bewohnerinnen und Bewohner auf in den Bundestag nach Berlin gemacht. Verabredet waren sie unter anderem auch mit Jens Beeck, Bundestagsabgeordneter der FDP. Leider konnte das Gespräch nicht wie geplant stattfinden. Dennoch hatte die Wahrendorff-Delegation einen spannenden Tag im Bundestag mit Besuch des Plenarsaals. Die politische Diskussion mit einem verantwortlichen Bundestagsabgeordneten wollten die Teilnehmenden jedoch nicht einfach aus ihrem Kalender streichen. Daher luden sie Jens Beeck (MdB) zum Gespräch in das Klinikum Wahrendorff ein. Und der versprach sofort einen späteren Besuch vor Ort. Jetzt hat er sein Versprechen eingelöst, besuchte den Heimbereich im Klinikum Wahrendorff und machte sich einen eigenen Eindruck von der besonderen Eingliederungshilfe in Sehnde mit den umfassenden Angeboten in den Bereichen Leben, Wohnen und Arbeiten.

"Nah dran ist man hier", so Beeck, der sich insbesondere im Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie im Ausschuss Gesundheit im Bundestag engagiert. Und nah dran erlebten ihn auch die Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Mitarbeitenden im Bereich der Eingliederungshilfe des Klinikums. So stand nicht das Treffen mit der Geschäftsführung im Mittelpunkt der Tour durch das großzügige Gelände, sondern Begegnungen mit besonderen Menschen, z. B. mit Victoria in der Kunstwerkstatt des Klinikum Wahrendorff. Stolz präsentierte sie ihren kunstvollen Nachbau des H 96 Stadions und plauderte locker über ihre persönliche Entwicklung in Wahrendorff. So ist es ihr von hier gelungen, den Hauptschulabschluss nachzuholen. "Und da geht bestimmt noch mehr", ist sie optimistisch. Ansporn gibt es reichlich.

Abschließend stellte sich Rechtsanwalt Beeck den ganz aktuellen Fragen der Bewohnerinnen und Bewohner. Und davon gab es jede Menge. Denn insbesondere mit Blick auf Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes gibt es große Verunsicherung. Durch das Bundesteilhabegesetz wird die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen ab dem 1. Januar 2020 konsequent personenzentriert ausgerichtet. Es wird bei der Erbringung der Leistungen der Eingliederungshilfe keine Unterscheidung nach ambulanten, teilstationären und stationären Leistungen mehr geben. In heutigen stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe werden die Fachleistungen der Eingliederungshilfe getrennt von den existenzsichernden Leistungen zur Lebensunterhaltssicherung erbracht. Derzeit bereiten sich Leistungsträger, Leistungserbringer sowie die Betroffenen und ihre Angehörigen auf diesen Systemwechsel vor.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner oder auch deren Betreuende ist vieles in der Umsetzung des Gesetzes ab 1. Januar 2019 noch nicht geklärt. Stellvertretend dafür steht z.B. der Grundsatz, dass zur Eigenverantwortung eines jeden Menschen unter anderem ein eigenes Bankkonto zählt. "Die Verpflichtung ein eigenes Bankkonto zu führen klingt zwar einfach, ist es aber nicht", fasst Stefanie L. stellvertretend für viele Anwesende zusammen. In einem zunehmend schwindenden Filialnetz der Banken wird für viele Menschen der Weg zur Bank ein unüberwindbares Problem, denn ein großer Teil der Bewohnerinnen und Bewohner benötigt Begleitung bei Wegen außerhalb des Klinikums. "Die Gründe dafür sind vielfältig", beschreibt Stefanie L. weiter. "Das können z.B. Angstzustände sein, die ein Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel nicht zulassen." Und Heide Grimmelmann-Heimburg, Geschäftsführerin, verdeutlicht, welche Größenordnung alleine im Klinikum Wahrendorff dahinter steckt: "Von 1.000 Bewohnerinnen und Bewohnern haben derzeit 100 ein eigenes Konto." Und das Thema Konto ist nur ein Beispiel der 'Riesenbaustelle Umsetzung BTHG'. Die Grundlagen für Bemessungsgrundsätze in der Eingliederungshilfe unterscheiden sich deutlich von Vorgaben aus der Grundsicherung. "Das Gesetz ist gut gemeint, aber nicht zu Ende gedacht", bestätigt Beeck die kritischen Anmerkungen der Bewohnerinnen und Bewohner. "Es überfordert und führt an vielen Stellen zur Verschlechterung."

Und Jens Beeck versprach wieder zu kommen. Dann auf jeden Fall mit so viel Zeit, die inspirierende Atmosphäre der Kunstwerkstatt noch viel intensiver zu erleben.


Weitere Informationen: www.wahrendorff.de


Das Klinikum Wahrendorff ist das Fachkrankenhaus für die Seele und eine große Einrichtung der Eingliederungshilfe.

Der Stammsitz liegt zwölf Kilometer östlich der Landeshauptstadt Hannover in Sehnde mit den beiden Standorten Ilten und Köthenwald. Mit der Psychiatrisch-Psychosomatischen Klinik Celle betreibt das Klinikum Wahrendorff ein zweites Krankenhaus. Die Kliniken bieten ambulante, teilstationäre und vollstationäre Versorgung in der Akutpsychiatrie, Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Die Eingliederungshilfe ermöglicht Wohn- und Lebensperspektiven für Menschen mit seelischen, geistigen und/oder Mehrfachbehinderungen in Hannover und der Region. Das Gesamtklinikum verfügt über 654 Betten und Plätze. In den differenzierten Heimbereichen finden an die 1.100 Bewohner eine individuelle und fachlich anspruchsvolle Versorgung. Das Klinikum Wahrendorff ist mit 1.400 Mitarbeitenden einer der größten regionalen Arbeitgeber und mit über 100 Ausbildungsplätzen einer der wesentlichen Ausbildungsbetriebe in der Region.

https://www.wahrendorff.de
Wirtschaft und Politik | 15.07.2019 | pp | 179 Leser